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Tag 8.04 Theodulpass
Tag 8.04 Theodulpass
Tag 8.13 Abfahrt Trockener Steg
Tag 8.13 Abfahrt Trockener Steg
Tag 8.09 Theodulgletscher
Tag 8.09 Theodulgletscher

Route

  • Rifugio Teódulo
    3.317 m
  • Trockener Steg
    2.939 m
  • Zermatt
    1.606 m
  • Unterrothorn
    3.103 m
  • Blauherd
    2.578 m
  • Unterrothorn
    3.103 m
  • Täsch
    1.450 m
  • St. Niklaus
    1.127 m
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Der Tag der Holy Trails

KARTE ETAPPENFOTOS
Rifugio Teódulo - St. Niklaus
38 km • + 150 hm • - 4.212 hm

Unsere Rechnung scheint aufgegangen zu sein. Es ist noch nicht einmal sechs Uhr in der Früh, das digitale Außenthermometer zeigt 1°C. Wir beobachten zwei Bergsteiger, die draußen Ihr Eisgerät anlegen und ihr Seil entwirren. Die umliegenden Berge sehen im Rosa der Morgensonne noch atemberaubender aus als gestern Abend.
Wenig später stehen auch wir draußen auf der Terrasse vor der Theodulhütte und bereiten unsere Gerätschaften auf die Abfahrt vor.

Dann starten wir und fahren über den Gletscher ab. Zunächst zaghaft, dann immer schneller. Der Firn ist hartgefroren und hat Grip. Wir fangen an zu driften.
Kleine Wasserrinnen durchziehen das Eis. Man kann diese durchfahren, überspringen oder einfach links liegen lassen. Immer wieder stoppen wir, um zu filmen oder um Fotos zu schießen. Irgendwann verschwindet der Felsrüken zu unserer Linken und gibt den Blick auf das Matterhorn frei. Vor uns liegt das Mattertal und rechts von uns das Monte Rosa Massiv.
Es ist ein einmaliges Erlebnis diese grandiosen Kulisse in aller Stille und Einsamkeit in sich aufnehmen zu können und wohl der schönste Augenblick der Tour!

An einigen Stellen ist das Eis nicht weiß, sondern durchsichtig. Hier ist Vorsicht geboten. Es ist glatt, spiegelglatt. Dennoch lassen sich diese Stellen umfahren oder durch geschicktes An- und ungebremstes Überfahren überwinden. Kurz vor der Seilbahnstation Trockener Steg (2.939 m) nehmen diese Gefahrenstellen zu.
Das Eis wird schließlich auch matschig und schwer befahrbar. Wir sind daher ganz froh über den Umstand, hier wieder normalen Untergrund unter den Reifen zu haben und fortan auf Schotter weiterfahren zu können.
Stop! Schotter?! Ausgeschlossen die verbleibenden Höhenmeter hinab nach Zermatt auf Schotter oder gar einer Skipiste sinnlos zu vernichten. Ein Blick auf die Wanderkarte zeigt uns das was wir suchen. Eine rote Linie, eine wunderschöne rote Linie mit vielen Zacken!. Schnell ist der Einstieg gefunden und bereits nach wenigen Metern wird uns klar - Volltreffer!
Verblockter Fels wechselt mit flowigen Abschnitten, dann bereichern gigantische, von früheren Gletschermassen glattgeschliffene Granitbrocken die Abfahrt. Die Linienwahl hängt vom Fahrkönnen ab. Jede Sekunde müssen mehrere Entscheidungen zugleich getroffen werden. Über die Stufen oder über den Slickrock, Bremsen, Hinterrad versetzen, Noseweely, Drop, Bremse auf, Stop, Stand, kurz innehalten, OK, die Sektion erscheint fahrbar, Schwerpunkt verlagern, runter, jup ... geschafft, wo ist die nächste Markierung, was macht mein Vordermann? Volle Konzentration. So turnen wir den Trail hinab und können unser Glück kaum fassen, diese Traumabfahrt entdeckt zu haben. Roland bannt die schönsten Sektionen des Trails auf Film.

Dann kommt neben dem allgegenwärtigen Matterhorn auch noch der Gornergletscher ins Blickfeld. Weiter unten wird der Trail flüssiger und einfacher fahrbar. Dann fahren wir über eine Skipiste, nein nicht hinab, sondern diagonal drüber, um gleich gegenüber wieder in das Trailparadies von Zermatt einzutauchen.
Enge Spitzkehren, die das Versetzen des Hinterrades erfordern, folgen in kurzer Abfolge mit kniffeligen Felspassagen. Nochmals geht es voll zur Sache. Und das Ganze im Angesicht des von der Morgensonne imposant beleuchteten Matterhorns. Dann begegnen wir den ersten Fußgängern.
Wir sind fast ganz unten im Tal angelangt. Es zahlt sich nochmals aus, heute ganz früh und weit oben gestartet zu sein. Wir fahren bereits zwischen einigen Hütten am Rande von Zermatt hindurch und befinden uns noch immer auf einem Trail. Dann eine Zwangspause. Dave hat sich bei einem Sprung in die Steine einen Platten eingefahren. Der Big Betty fährt sich halt doch ander als der gewohnte DH-Reifen! Ich nutze die Gelegenheit kurz die Beläge meiner Bremse zu wechseln. Schließlich spuckt uns der Trail im Ortskern von Zermatt aus. Wow, keinen einzigen Meter dieser über 1.700 Höhenmeter langen Abfahrt auf Schotter oder gar Asphalt verschwendet. Und kaum 10 Menschen begegnet.

Nach einem kurzen Einkauf beim Bäcker und der anschließenden Frühstückspause auf einer Parkbank begeben wir uns zur Rothornbahn. Den ursprünglichen Plan heute auch noch auf den Gornergrat zu befahren lassen wir fallen. Wir befürchten es zeitlich dann nicht zu schaffen.
Die erste Bahn befindet sich in einem Tunnel. Schnell sind die Bikes verstaut und es geht rasant hinauf, bevor wir in eine kleine Gondelbahn umsteigen. Das dritte und letzte Stück auf das Rothorn überwinden wir in einer großen Kabinenbahn.

Wir stehen am Fenster und trauen unseren Augen kaum: Direkt unter der Seilbahn verläuft ein Trail der nur aus Spitzkehren zu bestehen scheint! Immer steil, alle Kehren ausgesprochen eng. Für mich und Dave ist sofort klar: Dieser Trail muss sofort, also direkt nach dem Ausstieg aus der Gondel befahren werden!
Zwar war diese Abfahrt nicht geplant, aber einen derart traumhaften Trail können wir uns heute einfach nicht entgehen lassen. Roland beschließt oben auf uns zu warten, was es uns ermöglicht, die schweren Rucksäcke bei ihm zu lassen und nur mit dem Nötigsten ausgerüstet in dieses Spitzkehrengewitter einzufahren.
Rolf begleitet uns und wenige Meter nach der Bergstation beginnt der Spaß. Zunächst extrem eng, eine steile Felstreppe, Kehre am Abgrund, kaum Platz zum Versetzen. Für Biker ohne solide Versetztechnik und mit geringsten Anzeichen von fehlender Schwindelfreiheit ist hier sofort Schluss. Wir trailen durch die Felsbrocken und wedeln durch die engen Kehren. Über unseren Köpfen schwebt während der Abfahrt zweimal die Seilbahn hinweg. Eine kurze verblockte Flachpassage zwingt uns die Bikes einige Meter zu schieben. Dann geht es wieder weiter. Einige wenige Kehren, die wir nicht auf Anhieb fahren können tragen wir wieder hinauf und probieren sie mehrfach, bis die Sektionen gemeistert sind. Die letzten Kehren werden einfacher, das Gelände flacher und schließlich rollen wir wieder auf die Seilbahnstation zu. Die ganze Abfahrt hat knapp zwanzig Minuten gedauert, alles bei strahlendem Sonnenschein und gegenüber dem allgegenwärtigen Matterhorn.
Für 11.50 CHF geht es gleich wieder nach oben. Wieder kleben wir am Fenster und schauen gebannt hinab auf den soeben gemeisterten Trail. Ich zähle die Kehren. 35…44..hier haben wir mehrfach probiert…58…da waren die ganz Engen…65…hart am Abgrund…70… die Treppe…80…83, 84, 85 und 86. Unglaubliche 86 Kehren an diesem Hang.
Wir steigen aus. Roland liegt in der Sonne und döst. Auf uns wartet nun gleich das nächste Singeltrail-Highlight: die Befahrung des exponierten Ritzengrades. Der Einstieg ist derselbe wie der von der soeben absolvierten Abfahrt. Nach den ersten Kehren zweigen wir nach rechts ab und finden uns nach wenig später in einem Gewirr von Felsbrocken und Geröll wieder.

Über den verlockten und fahrtechnisch höchst anspruchsvollen Ritzengrat geht es hinab zum Europahöhenweg. Hier ist eine völlig andere Fahrtechnik gefordert. Langsames Vorantasten, dosiertes Schwung holen, Stufen fahren, Linie suchen. Meist hat der Trail genug Gefälle, so dass die Sektionen fahrend zu meistern sind. An einigen Stellen müssen wir Gegenanstiege schiebend bewältigen. Der Blick zurück ist unbeschreiblich. Oben auf dem Rothorn thront die Seilbahnstation, darunter nur ein wildes Gewirr aus Fels. Der soeben gefahrene Weg ist unsichtbar. Wir begegnen nur wenigen Wanderern. Wohl zu schweres Gelände für die klassischen Zermatt-Touristen.
Die wenigen, denen wir begegnen versetzen wir ins Staunen. Sie warnen uns vor den noch „extremeren“ Abschnitten, die weiter unten auf uns warten sollen. Wir freuen uns darauf.
Und dann kommt einer dieser Abschnitte. Ein Stahlseil hängt links des Weges, rechts ein Felsbrocken, dazwischen eine enge extrem steile Treppe, am Ende eine enge Rechtskehre, drei Meter danach direkt am Abgrund eine Linkskehre auf nur handbreitem, rutschigem Trail. Die Schlüsselstelle! Kein Platz für den Lenker? Doch, aber nur wenn einer von uns das schlaffe Stahlseil aus dem Weg zieht und Platz schafft.
Dave quetscht sich zwischen die Felsen, um mir genau diesen Raum zu geben. Ich probiere es, knapp passt der Lenker in den neu geschaffenen Raum, die Treppe klappt, die Rechtskehre auch. Dann siegt die Vernunft. Für eine Linkskehre direkt an einem 30 Meter hohen Abgrund fehlt mir die 100-Prozentige Routine. Hier kann man sich keinen Fehler erlauben.
Jetzt probiert es Dave. Er kommt genau so weit wie ich, dann hebelt Ihn der Rucksack aus. OK, hier darf mal ohne gefahren werden. Also Bike noch mal die Treppe hoch tragen und noch einmal. Dieses mal klappt´s auf Anhieb. Dave hat diese unglaubliche Passage gemeistert. Respekt!

Wir wedeln noch 40, 50 enge Kehren hinab, um schließlich auf den von vielen Bikern befahrenen Europahöhenweg zu stoßen. Der Weg ist anfangs relativ breit, wird aber schließlich zu einem schönen Singletrail am Hang entlang. Immer wieder begegnen wir Bikern und Wandergruppen. Saftige Gegenanstiege und, flaches Terrain kosten Kraft, machen aber Spaß.
Kurz vor Täsch wird es nochmals etwas heftiger. Der Trail wird enger und führt ausgesetzt und über einige Stufen steil abwärts. Langsam verschwindet das Matterhorn hinten im Tal. Dann kommt man an den Punkt der Entscheidung: weiter den hoch nach Ottavan und danach weitere 500 oder 600 Höhenmeter beim Auf und Ab des Höhenwegs machen oder gleich den flowigen Trail durch den Lärchenwald hinab nach Täsch (1.450 m) einschlagen?
Wir haben heute genug gesehen und erlebt und wählen die letztere, deutlich bequemere Variante. Der Trail macht nochmals richtig Spaß und fordert in engen Kehren nochmals unser Fahrkönnen. Aber das Versetzen und das auf dem Vorderrad durch die Kurven Surfen haben wir heute ausgiebig trainieren können, so daß die Fahrmanöver nun fast von alleine klappen. Es gelingt uns abermals das Tal komplett auf Trails zu erreichen.

Nach einem kurzen Einkauf im Supermarkt machen wir Rast am Bach. Dann führt uns der Rad-und Wanderweg weiter in Richtung St. Niklaus (1.127 m). Auch hier ist das Glück auf unserer Seite. Wir landen zufällig auf einer ausgeschilderten Cross Country Stecke. Der schmale Weg führt zunächst einige Meter bergauf, um alsbald in einen flowig abwärts führenden Trail überzugehen.
Wir sehen bereits die ersten Häuser von St. Nikolaus, als wir den Trail verlassen. In der Touristinfo wird schnell ein günstiges Zimmer ausfindig gemacht. Leider ist oben in Jungu (1.955 m) heute kein Bett mehr frei, sonst hätten wir noch mit der Seilbahn nach oben fahren können. Dafür genießen wir den Luxus des Talortes mit Dusche, Waschmöglichkeit für die Kleidung und einer Pizzeria. Insbesondere das Duschen war nach den letzten zwei Tagen bitter notwendig, zumal wir gestern auf der Theodulhütte auf diesen Luxus komplett verzichten mussten.


Fazit:

  • Unglaublicher Tag bei traumhaftem Wetter ...
  • ... auf Trails, die es in dieser Qualität und Fülle nur auf einem Ort der Erde zu geben schein: im Ort der Holy Trails, in Zermatt im Angesicht von Matterhorn und Monte Rosa.
Letzte Änderung 09.12.2007 | Hits: 3.464 | nach oben